Schnell wurde die Dekontaminationsstelle mit vereinten Kräften aus Braunschweig und Wolfenbüttel aufgebaut. Rechts: Carsten Franke, Leiter der Gefahrguteinheit der Stadt Wolfenbüttel.

Großübung der Feuerwehren Wolfenbüttel und Braunschweig bei der Imperial GmbH

Es ist 9.35 Uhr gestern früh. Ein lauter Knall, dichter schwarzer Rauch steigt über Linden auf, verunfallte Personen brüllen um Hilfe. Ein klarer Fall für die Feuerwehr und den Rettungsdienst. Kurze Zeit später schlagen auch schon die Pieper mit schrillen Tönen Alarm. Doch zum Glück nur eine großangelegte Übung der Stadt Braunschweig und Wolfenbüttel auf Initiative beider Bürgermeister. Die Feuerwehren arbeiteten diese auf dem Gelände des Chemieunternehmens Imperial an der Wendessener Straße aus. Doch der Reihe nach.

Was ist geschehen? Das Szenario: Zwei Autos, besetzt mit jeweils zwei Personen, lieferten sich ein illegales Straßenrennen auf dem Firmengelände und kollidierten auf einem Bahnübergang mit einem Gefahrgutgüterzug. In der Folge riss ein Gefahrgutkessel ab. Behälter mit leichtentzündlichen Stoffen fallen vom Zug herunter, geraten in Brand und greifen auf ein Tanklager über. Es kommt zu einer Explosion. Durch den damit verbundenen Splitterflug wird ein weiterer Gefahrgutkesselwagen beschädigt, woraufhin Ammoniak ausläuft. Zwei Mitarbeiter eilen zur Stelle und werden daraufhin mit dem Gefahrstoff kontaminiert. 

Seit etwa einem halben Jahr wurde diese Großübung vorbereitet, berichteten die Pressesprecher Florian Parkitny, Michael Hoppmann und Jens Lehmann, die die Übung moderierten. Ein Mammut-Projekt für die drei, denn das Interesse war nicht nur bei Medienvertretern groß, sondern auch auf politischer und behördlicher Ebene. Ziel sollte sein, die Zusammenarbeit im Rahmen der nachbarschaftlichen Löschhilfe zu stärken, denn in dieser Größenform sei noch nie zuvor kooperiert worden, hieß es von der Übungsleitung. Über 200 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren und des Rettungsdienstes waren an der Übung beteiligt. Auf dem Gelände des Chemieunternehmens konnten Szenarien geübt werden, die auch durchaus realitätsnah dargestellt und vorbereitet wurden. Pflanzenschutzmittel werden in großer Dimension gelagert. „Für das Unternehmen besteht deshalb die Vorschrift zur jährlichen Übung“, erklärte Olaf Wusowski vom Gewerbeaufsichtsamt. „Auch müssen Alarm- und Gefahrenabwehrpläne vorhanden sein.“

Als schließlich die Ortswehr Linden als erstes beim Verkehrsunfall am Bahnübergang eintraf, erkundete Einsatzleiter Marco Dickhut zunächst die Lage und teilte seine Mannschaft ein. Schnelles und konzentriertes Handeln konnte man beobachten. Das überschlagene Auto wurde abgestützt, die vier verunfallten Personen betreut, ein Seelsorger kam zum Einsatz und Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes legten Infusionen. Stephan Kadereit, erster stellvertretender Stadtbrandmeister aus Braunschweig, lobte schon nach kurzen Handgriffen das umsichtige Vorgehen. „Es ist wichtig, mit den verletzten Personen zu sprechen, sie zu beruhigen und das weitere Vorgehen zu erklären“, sagte er. Viele Dinge könnten nur so erfahren werden, so zum Beispiel, ob sich weitere Personen im Auto aufhielten. „Eine Personensuche ist in der Folge nicht selten“, sagte Kadereit und schaute dem anrückenden Löschzug aus Wolfenbüttel zu, die sich um den ausgelösten Brand kümmerte.  

Doch dadurch, dass das Hydrantennetz simuliert nicht ausreichte, musste der Wassertransportzug und der Wasserförderzug aus Braunschweig anrücken. „Mit Tanklöschfahrzeugen konnte ausreichend Wasser im Pendelverkehr zum Brandort transportiert werden“, schilderte Pressesprecher Michael Hoppmann aus Wolfenbüttel. Aus der nahegelegenen Oker klappte die Versorgung durch aufgeweichten Boden trotz Allrad-Antrieb allerdings nicht. „Der Einsatzleiter reagierte schnell und ließ mit Tanklöschfahrzeugen Hydranten in Linden anfahren“, ergänzte sein Kollege Jens Lehmann aus Braunschweig. Über zwei Kilometer Schlauch sollten von dem Gelände bis zur Oker verlegt werden – keine leichte Aufgabe für Feuerwehrfrau und Feuerwehrmann. 

Lobende Worte gab es währenddessen auch von Lindens Ortsbürgermeister Kersten Meinberg, den insbesondere das Vorgehen der Gefahrgutträger faszinierte: „Das sieht alles sehr beeindruckend und professionell aus, wie hier die Aufgaben gelöst werden.“ Dabei schaute er auf die „grüne Männchen“, die zu den beiden kontarminierten Mitarbeitern des Kesselwagens gingen. Der leckgeschlagene Güterzug wurde schließlich mit vereinten Kräften der ABC-Züge beider Städte abgedichtet und die Ammoniaklösung in Wannen aufgefangen. Konstantin Götze vom Amt für Brand und Katastrophenschutz der Polizeidirektion Braunschweig erklärte, dass solche Einsätze unheimlich personalaufwendig seien: „In den Schutzanzügen können sie nur etwa 20 Minuten arbeiten, danach müssen sie dekontaminiert werden, bevor die aufgeschnallte Sauerstoffflasche leer ist.“

Doch am Ende waren neben den beiden Standortleitern Norbert Krüger und Dr. Dieter Schustolla auch lobende Worte von Bürgermeister Thomas Pink über die funktionierenden Schnittstellen zu hören. Zwar findet die Manöverkritik erst zu einem späteren Zeitpunkt statt, doch das Ziel der Übung – das „Hand-in-Hand-Arbeiten“ – sei erreicht worden. Pressesprecher Michael Hoppman stellte jedoch schon nach Übungsende fest: „Die Übungen liefen gut. Das Vorgehen war so, wie es in der Landesfeuerwehrschule gelehrt wird.“ Dass die Wasserförderung aus der Oker nicht wie geplant klappte, sei allerdings kein Problem gewesen: „Das ist die Realität. Entscheidend ist, dass der Einsatzleiter reagiert und eine Entscheidung trifft, die zum Ziel führt“, betonte Hoppmann. Und auch der Feuerwehr-Chef aus Braunschweig zeigte sich am Ende erfreut: „Ich bin sehr zufrieden mit dem Vorgehen. Die Feuerwehren haben gezeigt, dass das Zusammenspiel beider Städte funktioniert“, sagte Torge Malchau bei Übungsende überzeugend.


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