1974 am Schlagbaum bei Hornburg.

Grenzen behinderten Arbeiten, aber nie die Menschlichkeit

In der Nacht zum 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer und mit ihr auch die knapp 2.000 Kilometer lange innerdeutsche Grenze. Jahrzehnte lang hatte ein Staat eine Mauer und Zäune um sich errichtet, die in den letzten Jahren der Deutschen Demokratischen Republik bröckelte. Der Widerstand in den Menschen regte sich immer mehr und letztendlich konnten Grenzen eingerissen und Mauern überwunden werden.

Dieter Kertscher war viele Jahrzehnte lang Vermessungstechniker beim Katasteramt Wolfenbüttel. Der Diplom Ingenieur erlebte die Zeit, in der Zäune, ein Land und ein Volk in Ost und West teilte, hautnah mit. Er war dabei, als der etwa 26 Kilometer lange Grenzabschnitt zwischen dem Landkreis Wolfenbüttel und der damaligen DDR auf Wunsch der DDR neu vermessen wurde. Eine prägende Zeit, sagt er heute. „Es war eine spannende Zeit, die ich zuvor und auch hinterher – Gott sei dank – nie wieder erlebt habe“, sagt Kertscher und erzählt seine Grenz-Geschichte. 

Im Sommer 1974 sollte auf Wunsch der damaligen DDR die Grenze des Abschnitts 21 neu vermessen werden. Auf den Millimeter genau sollte festgelegt werden, wo die BRD endete und die DDR begann. Alle Akteure aus den unterschiedlichen Bereichen – Ost und West – waren aufgefordert, entsprechende Vorbereitungen in die Wege zu leiten, damit zwischen 1974 und 1977 die Vermessung der Grenze durchgeführt werden konnte. Eine schwierige Aufgabe in schwierigen Zeiten, sagt Dieter Kertscher. „Da wurde wirklich um jeden Millimeter gefeilscht“, sagt er und meint damit die genaue Ausführung der Arbeiten. Nicht nur Grenzsteine und Holzpflöcke markierten die Grenzen, sondern genau diese Grenzpunkte wurden exakt in der Mitte noch einmal markiert. Eine Millimeterarbeit, die auch immer unter den wachsamen Augen der Volkspolizei oder sogar der Stasi durchgeführt wurde. „Wir wussten nie genau, ob wir es mit wirklichen Fachleuten zu tun hatten, oder mit einem Spitzel.“ Kertscher und seine Kollegen bedienten sich aber eines einfachen Tricks. „Wenn wir wissen wollten, ob wir es mit einem echten Kollegen zu tun hatten oder nicht, gaben wir demjenigen eine Aufgabe und warteten darauf, wie er sie ausführte. Daran konnten wir erkennen, mit wem wir es zu tun hatten und wie wir uns vor allem verhalten müssen“, sagt er. 

DDR verschwieg Vermessung

Aus Angst vor Minen wurde die Vermessung auf Westdeutscher Seite durchgeführt. „Wenigstens das konnten wir durchsetzten. Die Gefahr, in eine der Minen zu laufen war viel zu groß und das Räumen hätte viel zu lange gedauert und hätte ja auch einen Fluchtweg bilden können. Also wurde auf „unserer Seite“ vermessen“, erzählt Dieter Kertscher und erinnert sich noch genau daran, dass seitens der damaligen DDR die Vermessung der Grenze nicht publik gemacht wurde. 

Zum einen hätte es zu Ängsten und Fluchtversuchen kommen können,  zum anderen hätte der Staat damit ja zugegeben, dass die Grenze keineswegs eine temporäre Angelegenheit war. „Davon sind wir ja immer ausgegangen. Niemand von uns dachte zu der Zeit daran, dass die Grenze Jahrzehnte lang stehen würde“, so Kertscher. Dass der Osten langfristige Pläne eines geteilten Deutschlands im Hinterkopf hatte, würde auch die Inschrift der Grenzsteine zeigen. Auf Seiten der DDR waren die drei Buchstaben deutlich in den Stein gemeißelt. „Wir haben darauf verzichtet, in den Stein BRD zu schreiben, weil wir davon ausgingen, dass die Steine nur zeitlich begrenzt stehen werden“, erzählt Dieter Kertscher. 

Waghalsiger Ausflug

Neben der akribischen – und nicht immer leichten – Arbeit  die Grenze unter den wachsamen Augen der Staatsbediensteten zu vermessen, gab es für Dieter Kertscher auch viele Momente, die ihn menschlich sehr berührten und auch erschreckten. „Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, als ein Kollege aus der DDR meinte, er brauche Nägel für den Bau seines Hühnerstalls. Wir haben damals gesagt, dass wir genügend hätten und er sich welche einpacken soll. Erst zierte sich der Kollegen, nahm aber schließlich die Nägel an. Am nächsten Tag kam er nicht wieder...“, erzählt Dieter Kertscher. Eine weiter Geschichte, die Kertscher erzählt, hätte böse Konsequenzen gehabt, wäre sie aufgeflogen. Die Kollegen aus dem damaligen Osten wollten damals gerne ein West-Autohaus sehen. Also haben Kertscher und seine Kollegen alles eingefädelt, die Ost-Kollegen gegen Praktikanten ausgetauscht und sind mit besagten Kollegen nach Schladen in ein Autohaus gefahren. „Gott sei dank ist das nie raus gekommen“, sagt Kertscher. 

„Montags war immer Wunschtag. Da gaben uns die Kollegen einen Wunschzettel, mit Dingen, die sie gerne haben wollten oder gebrauchen konnten. Wir haben die Sachen dann immer besorgt. Das konnten wir aber nur machen, wenn die Kollegen in privaten Pensionen untergebracht waren, die nicht kontrolliert wurden. Klar, dass diese Unterkünfte besonders beliebt waren“, schmunzelt Kertscher. Ein Ereignis, das unter  allen Kollegen Thema war, war die Weltmeisterschaft 1974. „Da haben wir immer Gesprächsstoff gehabt und uns gegenseitig geärgert, als die DDR gegen die BRD gespielt hat und auch gewonnen hat. Am Ende ist aber die BRD Weltmeister geworden“, so Kertscher. 

Wieder zurück an der Grenze

Gut zehn Jahre später, im Jahre 1988, sollte die Grenze erneut vermessen, beziehungsweise überprüft werden. Wieder war Dieter Kertscher dabei. „In den Jahren, die inzwischen vergangen waren, hatte sich viel verändert. Aber die Grenze stand immer noch. Aber es hatte sich etwas an dem Verhältnis getan, es war etwas leichter geworden. 

„Man hatte sich irgendwie ein wenig aufeinander zubewegt, das war ganz deutlich erkennbar“, erinnert sich Dieter Kertscher. Und an die Geschichte zum Abschluss der Überprüfung. Denn die steht für ihn symbolisch dafür, dass sich Ende der 1980er-Jahre wirklich etwas verändert hatte. Zwei Kollegen - einer aus dem Westen und einer aus dem Osten - marschierten am letzten Tag jeweils mit einem Karton zur Grenze. Darin waren Kaninchen. 

„Wir haben also eine grenzüberschreitende Familienplanung in die Wege geleitet, als wir die beiden Kaninchen zusammen gelassen haben“, lacht Kertscher. Ein toller Vorbote für die Vereinigung, die im November 1989 stattfand und zusammen führte, was zusammen gehört. 


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