Feldhüter Robert Slawski, Ortsbürgermeisterin Ute Widow und Gemeindebürgermeister Detlef Kaatz wollen verhindern, dass es in Schandelah-Wohld zum Ölschieferabbau kommt.

Ölschieferabbau bei Schandelah – Gemeinde schlägt jetzt Alarm

Es klingt paradox. Der Energiewandel soll mit einem breiten Mix aus Wind, Sonne und Biomasse gelingen. Mehr Umweltschutz durch CO2-Einsparung. Man liest und hört es allenthalben. Und doch beabsichtigt das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium aus dem Vorbehaltsgebiet der Ölschiefer-Lagerstätten zwischen Schandelah und Flech-torf ein Vorranggebiet zu machen.

Wozu? Gemeindebürgermeister Detlef Kaatz: „Es gibt dafür einen gesetzlichen Auftrag.“ Und dieser besagt, dass zur Sicherstellung der Energiegewinnung und -erzeugung entsprechende Gebiete gesichert werden müssen. Dass das nicht mit dem laufenden Prozess einer regenerativen Energieerzeugung im Einklang steht, spiele dabei keine Rolle. Kaatz: „Heute und morgen werden hier keine Bagger stehen. Aber was ist in zehn, 20 Jahren? Dann sollte doch wohl erst recht der Ausstieg von konventioneller Energie gelungen sein.“ Das Thema ist im Januar hochgekocht, als das Ministerium auf eine Änderung des Landesraumordnungsprogramms (LROP) hinwies. Die Brisanz werde jetzt akuter. Die Gemeinde schlägt Alarm. „Wir müssen aktiv werden“, betonte der Verwaltungschef. 

Im Bereich Schandelah handelt es sich um eine Fläche von elf Quadratkilometern, die 18 Prozent des gesamten Gemeindegebietes entspricht und inmitten des Landschaftsschutzgebietes in Schandelah-Wohld liegt. Die Lagerstätte befindet sich südlich der A2 und westlich der A39 und reicht unmittelbar bis an die Ortslagen von Schandelah, Hordorf und Weddel heran. „Die Absicht des Landes wird vom Gemeinderat wegen der negativen Folgen für die heimische Bevölkerung entschieden abgelehnt“, erklärte Kaatz mit drei Ausrufezeichen. Der Öl-Schatz befindet sich auch an der Gedenkstätte. 1944 wurde im Rahmen des Mineralölsicherungsplans des NS-Regimes Ölschiefergestein als Grundlage für die Benzinherstellung abgebaut. Nach Kriegsende die Stilllegung. Das Ölschiefervorkommen zählt zu den größten oberflächennahen Lagerstätten Deutschlands, daher für die Ölindustrie von besonderer Bedeutung. Alle zehn Jahre wird die Raumordnung fortgeschrieben. Bereits in den 1970ern sei bereits eine Hochstufung erfolgt, danach ging es auf Wirken der Gemeinde wieder runter. Bis 2004 fand dann eine weitere militärische Nutzung statt. Die Flächen dienen den Menschen heute als Naherholung.   

Der Bürgermeister nahm Kontakt mit einem Vertreter des Ministeriums auf. „Es wurde versucht, die Bedenken zu zerstreuen. Das war wenig überzeugend“, berichtete er. Das Ministerium werde nach seiner Aussage die Planungsphase einleiten. „Die Sicherung ist überflüssig, nicht mehr zeitgemäß und setzt im Hinblick auf die von der Bundesregierung beschlossenen Klimaziele völlig falsche Signale.“ Er war der Ansicht, dass nach dem Stand der weltweiten Rohstoffversorgung mit Erdöl, es auch keinen wirtschaftlichen Anlass gebe, die Lagerstätten auszubeuten. Durch die geplante Änderung sind auch Wendhausen, Hondelage und Flechtorf betroffen. Dort trete es auch zutage. 

Kaatz ruft daher die Bevölkerung zur Solidarität auf: „Wir müssen das Thema gemeinsam angehen.“ Konkret meinte er Petitionen und Unterschriftensammlungen. Bereits im Februar verabschiedete der Rat eine Resolution. Auch der Kreistag schloss sich dieser an. Helmstetdts Landrat Gerhard Radeck und Lehres Bürgermeister Andreas Busch seien auf seiner Seite. Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth wurde aufgrund der Absichten in Hondelage mit einbezogen. Unterstützung gibts auch vom Regionalverband Großraum Braunschweig. Die Landtagsabgeordneten aus dem Landkreis will er noch um Hilfe bitten. 

Kaatz fordert stattdessen, die bisherige Festsetzung von Vorranggebieten für Natur und Landschaft beizubehalten und die sonstigen Flächen als Vorbehaltsgebiete für die Landwirtschaft sowie für Natur und Landschaft zu sichern. 

Ortsbürgermeisterin Ute Widow: „Das ist absolut widersinnig. Wir wollen hier auch keine Hintertür haben.“ Sie befürchtete Gefahren für Mensch und Natur. Tiere entfalten ihren Lebensraum. „Giftiger Staub und Schutt könnte sie bedrohen.“ Zudem noch das: Das Neubaugebiet „Im Hasselrode“ könnte leiden, wenn ein paar Meter weiter Löcher klaffen. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie könnte Bauherren Ärger bereiten. 

Feldhüter Robert Slawski ist von den Plänen völlig perplex. Er überwacht die Naturschutzgebiete in der Gemeinde seit vier Jahren. „Wir haben hier ein schützenswertes Gut. Solche Gebiete sind da, damit sich die Natur erholen kann und nicht, dass sie ausgebaggert werden“, sagte er. Das Gebiet zähle laut ihm zum europäischen FFH-Bereich (Flora, Fauna, Habitate) mit besonderer Auszeichnung und habe nationale wie auch übernationale Bedeutung. „Das extensive Grünland ist Teil des Natura 2000-Netzwerkes“, so der Naturschützer. Graureiher, Weißstörche und Kiebitze leben hier. „Mit Bruterfolg“, sagte er. Überwiegend Magerrasen und seltene Pfeifengraswiesen bedecken das Land, das nur selten von Gehölzen durchbrochen wird. „Bedrohte Tierarten finden Rückzug.“ 

Seit 2014 ist die DBU Naturerbe GmbH Eigentümerin der Fläche Wohlder Wiesen, einer Tochter der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Sie hat den Auftrag der Bundesregierung, die ehemaligen Militärgebiete langfristig als Naturerbeflächen für nachfolgende Generationen zu erhalten und zu sichern. 


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